Das Prinzip Nichtlinearität

10.06.2018

Nachgedacht. Von

 „Vor Jahren litt ein bestimmter Stamm auf Borneo an Malaria. Die Weltgesundheitsorganisation wusste die richtige Antwort, nämlich literweise DDT zu versprühen, um damit die Moskitos zu töten. Sie sprühten, die Moskitos starben, und die Malaria ging zurück. So weit so gut. Doch dann begannen den Leuten die Hausdächer auf die Köpfe zu fallen, weil, wie es den Anschein hatte, das DDT auch eine parasitäre Wespenart getötet hatte, die normalerweise Raupen, deren Nahrungsmittel wiederum aus Dachstroh besteht, verzehren. Was aber noch schlimmer war: Das DDT vergiftete Käfer, die dann von einigen Eidechsen oder Schlangen gefressen wurden, die wiederum von Katzen aufgefressen wurden. Die Katzen starben dann, dafür gediehen die Ratten, und die Weltgesundheitsorganisation, die auf diese Weise den Ausbruch einer Rattenplage im Dschungel erzeugt hatte, war dadurch gezwungen, per Fallschirm lebende Katzen über Borneo abzuwerfen“.


Der Text stammt von Gibbons in dem Buch „Reichweite und Potential der Technikfolgenabschätzung“ (Hg. Kornwachs 1991). Das Beispiel zeigt, welch ungeahnte Folgen Eingriffe in natürliche Systeme haben können. Das war seinerzeit ein Plädoyer dafür, das Instrument Technikfolgenabschätzung (TA = Technology Assessment) in den USA zu etablieren. John H. Gibbons war von 1979 bis 1983 Direktor des 1972 in den USA als Beratungsorgan für den Kongress eingerichteten Office of Technology Assessment (OTA). Das OTA war weltweit die erste Einrichtung dieser Art. In der Reagan Ära wurde das OTA als unneccessary agency geschlossen. Wenig später wurden in einigen europäischen Ländern ähnliche Einrichtungen gegründet. Hier nenne ich das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) im Karlsruher Institut für Technologie (KIT).


Warum kann ein Elefant einen Artgenossen nicht überspringen? Ein Hase übertrifft ihn in dieser Beziehung bei weitem, und dieser wird von einem Frosch übertroffen. Ein Floh springt, bezogen auf seine Körpergröße, noch weit höher. Warum braucht ein Auto die achtfache Leistung, wenn es doppelt so schnell fahren soll? Warum ist der höchste Berg auf dem Mars dreimal so hoch wie der höchste Berg auf der Erde? Warum gibt es eine untere Grenze für die Abmessungen eines Warmblüters? Die Botschaft lautet: Phänomene in Natur und Technik zeigen in der Regel nichtlineares Verhalten, wir denken und extrapolieren in der Regel jedoch linear. Das mag bei geringen Zeiträumen und kleinen Wachstumsraten zulässig sein, aber jenseits davon versagt es gnadenlos.   


Das Prinzip Nichtlinearität ist von zentraler Bedeutung für alle natürlichen und technischen Systeme. Das Phänomen Skalierung ist auch außerhalb natürlicher und technischer Phänomene von großer Bedeutung. Organisationssoziologen machen deutlich, dass Firmen mit einer überschaubaren Anzahl von Mitarbeitern wesentlich effizienter arbeiten als große Konzerne. Von der Flexibilität und der Umsatzrendite der so genannten „Hidden Champions“ (Simon 2012) können große Konzerne wie Volkswagen, BMW, Daimler-Benz, Siemens, Thyssen-Krupp und Bayer Leverkusen nur träumen. Die Stärke unserer Wirtschaft beruht eindeutig auf den vielen mittelständischen Firmen, die Weltmarktführer sind. Das hat historische Gründe. Es gibt keine Industrienation, die einen so großen Anteil der „Hidden Champions“ ausweist wie Deutschland. Der Niedergang der US-amerikanischen Autoindustrie, charakterisiert durch den Begriff Detroitirisation, muss ein Ansporn dafür sein, unseren Mittelstand pfleglich zu behandeln.

Beitrag zum neuen Buch von Michael Jischa: „Dynamik in Natur und Technik – Wandel verstehen und gestalten“, oekom Verlag,

 

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