Warum Leiharbeit und Klimawandel zusammenhängen

22.10.2017

Nachgedacht. Von

Unsere Welt scheint aus den Fugen zu geraten. Die Ungerechtigkeit auf dem Planeten nimmt dramatisch zu. Populisten erfahren in vielen Ländern einen atemberaubenden Zulauf. Und die globalen Umweltprobleme treten immer sichtbarer zu Tage. Unser Wirtschaftssystem und das ungezügelte Gewinnstreben sind eine Hauptursache für viele dieser Fehlentwicklungen. Deswegen benötigen wir eine ökosoziale Marktwirtschaft. Diese soll den Wohlstand weltweit befördern, soziale Standards garantieren, und die Umwelt durch eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrach schützen.

 

Stellvertretend für die zahlreichen Probleme seien die überbordende Leiharbeit bei uns in Deutschland und der globale Klimawandel genannt. Beide haben die gleiche Ursache: Die Wirtschaft koppelt sich immer mehr von den Bedürfnissen der Menschen und der Umwelt ab. Es stehen praktisch nur noch die kurzfristigen Interessen im Vordergrund. Langfristiges Denken, das Wohlstand für viele Menschen sicherstellt und gleichzeitig die Umwelt schützt, wird vom System nicht belohnt und ist deswegen kaum noch zu finden. Die Weltwirtschaft benötigt dringend verbindliche und durchsetzbare Regeln, damit es keine weitere Abwärtsspirale bei den Löhnen, sozialen und Umweltstandards gibt. Schaffen wir diese neue Wirtschaftsordnung nicht, werden die Populisten immer mehr Zulauf bekommen. Der Grund ist simpel: Die Populisten bieten scheinbar einfache Lösungen für die sehr komplexen Probleme. Sie setzen auf Ausgrenzung und Abschottung, wo Kooperation gefragt wäre. Und sie setzen auf „Fake News“. So werden des Öfteren gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse als längst widerlegt dargestellt. Das Internet und die sozialen Medien bieten das ideale Medium, um so einen Unsinn zu verbreiten. Das zeigt sich ganz besonders beim Klimawandel. Der ist nach Ansicht des amerikanischen Präsidenten Donald Trump eine Erfindung der Chinesen, um den Amerikanern zu schaden. Was für eine absurde Behauptung!

 

Die Menschheit steht vor enormen Herausforderungen. Für deren Bewältigung brauchen wir eine innovative und zukunftsfähige Wirtschaft. Unternehmen sollten sich nicht auf alter Technologie und nicht mehr zeitgemäßen Geschäftsmodellen ausruhen. Denn so werden die Nachteile dieses Verharrens entweder auf die Menschen und die Umwelt abgewälzt. Oder die Unternehmen laufen Gefahr, ganz vom Markt zu verschwinden. Der Skandal um die Betrügereien der deutschen Automobilhersteller lässt grüßen. Die zunehmende Leiharbeit, Lohndumping, das Herunterschrauben von sozialen Standards und die zunehmende Umweltverschmutzung sind sichtbare Zeichen dafür, dass es einen Mangel an Innovation gibt. Gerade deswegen ist jetzt die Politik gefragt. Sie muss offensichtliche Fehlentwicklungen in der Wirtschaft korrigieren, die Richtung vorgeben und die notwendigen Rahmenbedingungen für neue Entwicklungen schaffen. Das Verursacherprinzip beispielsweise sollte konsequent bei Fehlverhalten Anwendung finden. Nur so gewinnt die Politik das Heft des Handels zurück.

 

Weiterhin müssen Subventionen in nicht nachhaltige Wirtschaftsweisen abgebaut werden. Wir brauchen darüber hinaus eine Ressourcensteuer. Durch diese wird man es schaffen, dass unser Planet nicht ausblutet und lebenswert bleibt. Das klingt nach einem raffgierenden Staat. Genau das Gegenteil wäre aber der Fall, wenn wir das Geld in höhere Löhne, Bildung und Innovation investierten. Damit würden wir zugleich den Populisten dieser Welt das Wasser abgraben, denn die Menschen werden erkennen, was die wirklich zukunftsfähigen Alternativen sind. Schaffen wir den Umbau der globalen Ökonomie in eine ökosoziale Marktwirtschaft nicht, steht viel auf dem Spiel. Wir riskieren nicht weniger als eine ökologische Katastrophe, den Verlust der Freiheit und der Menschenrechte.

 

Mitglieder der Deutschen Gesellschaft CLUB OF ROME eint die Sorge um die Zukunft der Menschheit und die Zuversicht, dass die Menschheit über die geistigen und technischen Möglichkeiten für einen positiven Wandel verfügt. In der Rubrik "Nachgedacht" werden monatlich neue Beiträge einzelner Mitglieder veröffentlicht. Die Deutsche Gesellschaft CLUB OF ROME vermittelt gerne Redner zu verschiedensten Anlässen.

 

Mojib Latif, aufgewachsen im schönen Hamburg, ist Klima- und Meeresforscher am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Er leitet dort den Forschungsbereich Ozeanzirkulation und Klimadynamik, ist ein ausgewiesener Experte in Klimafragen und wird häufig und gerne für Radio- und Fernsehsehsendungen oder Veranstaltungen angefragt. Er betont seit vielen Jahren den Wert einer intakten Umwelt, insbesondere der Ozeane für unsere Erde. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt bezeichnete ihn anlässlich der Verleihung des Deutschen Umweltpreises 2015 als einen Forscher, „der Wissen schaffe, der dieses Wissen aber auch in die Breite vermittle“.

 

Foto von Mojib Latif oben: © Jan Steffen, GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

 

 

 

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